FÜRCHTET EUCH NICHT
In den Tagen um Weihnachten, wenn man sich auf der Straße und in der Kirche begegnet, rufen wir uns Weihnachtswünsche zu.
Frohe Weihnachten!
Feliz Navidad!
Gesegnete Feiertage!
Frohes Fest!
Wesołych Świąt Bożego Narodzenia!
Merry Christmas!
圣诞快乐!
Schönen Heiligen Abend!
Joyeux Noël!
Guten Rutsch ins neue Jahr!
Nicht allzu viel Stress!
Lass dir was Schönes schenken!
Was gibt’s denn bei euch zu essen?
Den Weihnachtswunsch der Bibel spricht der Engel in der Weihnachtsgeschichte aus:
FÜRCHTET EUCH NICHT! (Lk 2,10)
Wir hören es fast nicht mehr: Im Wort „Weihnachten“ steckt das Wort „Nacht“. Und wir feiern dieses Fest in der längsten Nacht des Jahres.
Trotz künstlich erleuchtet heller Städte, trotz Lichterketten an Bäumen und Häusern, trotz vieler Kerzen in den Wohnungen bleibt im Menschen das Gefühl: Nacht ist etwas Unheimliches. Und viele spüren gerade in den dunklen und trüben Tagen des Winters innere Beklemmung – und alte Ängste kommen hoch.
Nacht ist es auch auf dem Hirtenfeld. Und auch die Hirten haben Angst: vor Räubern und wilden Tieren, die über ihre Herde herfallen könnten. Und noch mehr erschreckt sie diese unheimliche Erscheinung, mitten in der Nacht. Ausdrücklich heißt es im Text: „Und sie fürchteten sich sehr.“
Am Anfang von Weihnachten steht die Nacht und die Angst. Und mitten in diese Nacht und diese Angst spricht der Engel: „Fürchtet euch nicht!“
Das ist die Weihnachtsbotschaft der Bibel für die Hirten – und auch für uns, für alle, die sich in der Nacht und in der Angst fühlen. Die Nacht und die Angst haben viele Gesichter:
Die Angst, ich könnte versagen.
Die Angst, einer aus unserer Familie könnte schwer krank werden.
Die Angst, ich schaffe das Ganze nicht mehr: Beruf, Familie, Erwartungen, die an mich gestellt werden.
Die Angst, der Streit in der vergangenen Woche könnte gerade an den Weihnachtstagen eskalieren.
Die Angst, die Neigung zur depressiven Stimmung schlägt jetzt gerade an Weihnachten wieder zu.
Die Angst, der Knacks in unserer Beziehung könnte zum Bruch führen.
Die Angst, die Trauer um einen lieben Menschen könnte mich verschlingen.
Mit all unseren Ängsten, die wir in uns tragen, wird uns in der Weihnacht die gleiche Botschaft wie den Hirten ausgerichtet: „Fürchtet euch nicht!“
Das heißt nicht: Es ist alles halb so schlimm! Die Angst wird einfach weggeblasen.
Aber dieser Weihnachtswunsch des Engels will mit uns etwas Ähnliches machen wie mit den Hirten: uns aus der Schockstarre lösen. Uns wieder erste Schritte gehen lassen. Uns zum Suchen bewegen. In der Nacht Wege finden lassen. Wie die Hirten einander aufmuntern: „Kommt, wir gehen nach Bethlehem!“ „Kommt, wir stehen zusammen!“
Liebe Freunde, liebe Christen,
„Fürchtet euch nicht!“; dieser Weihnachtswunsch der Bibel vertreibt nicht einfach die Nächte des Lebens, aber er will mein Herz stark machen: dass ich mich traue, durch die Nacht zu gehen. Vielleicht gehen andere mit. Einer geht sicher mit.
In diesem Sinn wünsche ich uns allen herzlich: eine gesegnete Weihnacht, eine Nacht, die durch dieses „Fürchtet euch nicht!“ geweiht ist: Ich traue mich, durch die Nacht zu gehen. Vielleicht gehen andere mit. Einer geht sicher mit.
Pater Dr. Paul Haiyan Li SVD

