"Wir brauchen einander, um Gott in unserer Zeit wahrzunehmen und zu verstehen"
Liebe Schwestern und Brüder,
im vergangenen Heiligen Jahr waren viele von Ihnen – zu Fuß oder im Herzen – als Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung unterwegs. Auf mein Hirtenwort, in dem ich die stark zurückgehenden Zahlen pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benannt habe, habe ich viel Resonanz erhalten: Trotz aller Ernüchterung wird meist konstruktiv mit dieser Wirklichkeit umgegangen.
Die alttestamentliche Erzählung von der Berufung Samuels kann uns ein Wegweiser sein: für den Umgang mit der Wirklichkeit und für die Begegnung mit Gott heute.
- „In jenen Tagen waren Worte des HERRN selten; Visionen waren nicht häufig. […] Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.“ (1 Sam 3,1.3)
Diese Worte klingen erstaunlich gegenwärtig. Worte des Herrn selten. Visionen rar.
Wer wagt heute eine verlässliche Vision – angesichts der Unsicherheiten in unserem Bistum, in Sachsen und Ostthüringen, in unserem Land, ja weltweit? Und wer kann sagen, wohin der Herr uns in einem säkularen Zeitalter führen will?
Viele spüren: Die Gottesfrage ist vielerorts verstummt. Kein kämpferischer Atheismus – Gott kommt schlicht nicht mehr vor: nicht als Thema, nicht als Trost, oft nicht einmal als Frage.
Doch gerade darum ist das Bild aus dem Tempel so stark: „Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen.“ Dieses Licht in der nächtlichen Dunkelheit bezeugt Gottes Gegenwart. Und es deutet an: Die Nacht wird nicht ewig dauern. Das Öl geht zur Neige, aber es wird genügen – ein neuer Tag bricht an.
So möchte ich auch unsere kirchliche Situation betrachten: nüchtern, ohne Beschönigung – und zugleich mit wachem Blick für das, was leuchtet und was Neues wächst.
Drei Erfahrungen möchte ich – in diesem Sinn – mit Ihnen teilen:
- a) Kulturhauptstadt Chemnitz und Bistumswallfahrt nach Rom
In der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 wurde mit der Kulturkirche Erstaunliches möglich: Unter dem Leitwort „C the unseen“ – „Seht das Ungesehene“ – zeigten Christinnen und Christen aus Stadt und Region beeindruckend, wie Kirche in einer säkularen Gesellschaft Licht sein kann. Ich bin dankbar, dass wir den binnenkirchlichen Raum öffnen konnten und ganz unterschiedlich mit Menschen in Verbindung gekommen sind.
Auch bewegt hat mich im vergangenen Jahr die Bistumswallfahrt, bei der wir mit knapp 300 Pilgerinnen und Pilgern nach Rom aufbrachen. Mich hat die Sehnsucht vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer berührt, sich geistlich zu stärken, im Glauben neu Atem zu holen und sich ermutigen zu lassen. Das bewusste Gehen auf den Spuren des Glaubens – mit Anstrengung und Verzicht – hat viele innerlich bewegt.
Aus diesen beiden Erfahrungen von Rom und Chemnitz frage ich mich, worin investieren wir – und worauf verzichten wir –, damit Menschen im Glauben gestärkt werden? Es lohnt sich Antworten zu finden, als Bistum, als Pfarrei, als einzelne Person – konkret in der Fastenzeit, aber auch darüber hinaus.
- b) Pfarreileitung
In diesen Wochen beginnt die Pfarrei Schleiz die Leitung der Pfarrei durch einen Pfarreibeauftragten einzuführen. In diesem ergänzenden Leitungsmodell übernimmt ein Gemeindereferent Verantwortung für die Pfarrei, mit den Gremien, begleitet durch einen moderierenden Priester. Es ist einerseits eine Antwort auf steigende Anforderungen, weniger Priester und größere Strukturen – bei aller Dankbarkeit für den wertvollen Dienst unserer Priester und aller, die sich in den vertrauten Formen engagiert haben. Andererseits ist es auch eine Chance, wenn Leitung zukünftig noch stärker im Team wahrgenommen wird. So suchen wir aus den uns vorgegebenen Umständen heraus einen tragfähigen Weg – und erfahren, dass Gaben sichtbarer werden, Verantwortung im Miteinander wächst, synodale Haltungen sich einüben.
- c) Visitation
Die Visitationen der vergangenen Jahre – 2026 schließe ich sie mit dem Dekanat Dresden ab – zeigen mir ein eindrucksvolles Bild: In vielen Pfarreien gibt es einen klaren Willen und ein großes Engagement, Kirche vor Ort lebendig zu halten. Alle Generationen tragen das durch vielfältiges Ehrenamt. Ich bin froh, dass wir dieses Zukunftsthema durch die neuen Stellen der Ehrenamtskoordination projekthaft gezielt unterstützen.
Vieles ließe sich hinzufügen. Darum frage ich: Wo brennt für Sie „die Lampe Gottes“ – was gibt Ihnen Hoffnung? Wenn Sie mögen, schreiben Sie mir. Ich wünsche mir, dass daraus – über das Heilige Jahr hinaus – eine Erzählgemeinschaft der Hoffnung im Bistum wächst: aufmerksam für das, was Gott wachsen lässt.
- „Samuel kannte den HERRN noch nicht.“ (1 Sam 3,7)
Samuel hört: Da ruft mich jemand. Er steht auf. Er geht zu Eli. Samuel irrt sich. Er ist bereit – aber er ist es nicht gewohnt, dass Gott zu ihm spricht.
Beim Lesen dieses Satzes stellt sich mir eine persönliche Frage, ich stelle sie uns allen: Kenne ich den Herrn wirklich? Was heißt das überhaupt: den Herrn kennen? Rechne ich damit, dass er heute zu uns spricht – zu mir, zu Ihnen, zu unserer Kirche?
Es geht beim Glauben um Beziehung. Wo Glaube „nur“ Wissen, Leistung oder Gewohnheit bleibt, wird er brüchig, sobald die äußeren Stützen schwinden.
Die entscheidende Frage ist: Ist Gott für mich eine Idee – oder ein Gegenüber? Rede ich über Gott? Oder rede ich mit Gott? Wage ich das „Du“?
Ich ahne: Dieses „Du“, dieses persönliche Hinwenden im Gebet, ist ein Schlüssel für Glaubensweitergabe in unserer Zeit. Eine lebendige Beziehung, die Erfahrungen ermöglicht, trägt auch in einem säkularen Umfeld, sie entwickelt kraftvolle Wirksamkeit und kann weitergegeben werden.
Wie jede Beziehung braucht auch die Beziehung zu Gott Aufmerksamkeit. Wir sind damit nie fertig. Es geht nicht um einen Status, den man erreicht und dann abhakt. Es geht darum, sich immer wieder Gott zuzuwenden, ihn anzusprechen, das Leben mit ihm zu gestalten – und zu sagen: „Hier bin ich.“ Die österliche Bußzeit ist deshalb für uns eine Chance, dieser Beziehung zu Gott neu Raum und Zeit zu geben.
- „Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben gerufen hatte.“ (1 Sam 3,8)
In dieser Erzählung gibt es nicht nur Samuel. Es gibt auch Eli. Und der Text zeichnet ihn mit einem im unmittelbaren Sinn überflüssigen Detail aus: „Seine Augen waren schwach geworden, und er konnte nicht mehr sehen.“ Der Priester Eli ist aber eingeschränkt in anderer Hinsicht. Dreimal braucht er, bis er begreift: Hier ist Gott am Werk.
Das macht mich nachdenklich. Vielleicht hat das Wort „Gottesferne“ auch mit unserer Wahrnehmung zu tun. Nur weil Kirchenräume leerer werden und pastorales Personal knapper, heißt das nicht automatisch, dass Gott nicht handelt. Vielleicht sind unsere Augen – wie bei Eli – ein Stück schwach geworden für sein Wirken. Ich frage: Schenken wir Gott genug Aufmerksamkeit, um sein Wirken auch jenseits des Kirchturms zu entdecken – in Begegnungen, in unscheinbaren Momenten, im Alltag?
Immer wieder erzählen mir Menschen, wie sie Gottes Wirken gespürt haben: in einer inneren Stärkung, in einem rettenden Wort, in einer Versöhnung, in Hilfe zur rechten Zeit. Das ermutigt mich, im Alltag genauer hinzusehen.
Und noch etwas: Erst im Zusammenspiel von Eli und Samuel wird das Rufen als Gottes Stimme erkennbar. Das ist eine wichtige Einsicht: Wir brauchen einander, um Gott in unserer Zeit wahrzunehmen und zu verstehen. Eli nutzt dabei sein Vorwissen nicht aus. Er stellt sich nicht in den Vordergrund. Er wird zum Wegweiser, zum „Geburtshelfer“, der Samuel hilft, in Kontakt mit Gott zu kommen.
Diese Erfahrung spiegelt für mich zugleich die geistlich-tiefe und strukturell-praktische Haltung von „Synodalität“ wider: gemeinsam hören, gemeinsam unterscheiden, gemeinsam handeln. Ich hoffe, dass diese Haltung Schritt für Schritt in der Breite unseres Bistums wächst. Unser neuer Diözesanpastoralrat soll hier ein bewusster Anfang sein. In diesem Rat sollen zukünftig die zentralen pastoralen Themen des Bistums gemeinsam beraten werden.
Gottes Ruf ergeht auch an jede und jeden von uns. Ich bin überzeugt: Der Grund, dass sich so viele Menschen in unserer Kirche engagieren – ob in einem geistlichen Dienst oder wie selbstverständlich auch im Ehrenamt –, hat mit einer inneren Berührung zu tun: Gott spricht den Menschen an und ruft ihn in seinen Dienst. Hören wir hin! Beten wir dafür!
- „Rede, denn dein Diener hört.“ (1 Sam 3,10)
Liebe Schwestern und Brüder, in diesen vierzig Tagen der österlichen Bußzeit lade ich Sie ein, sich von der Samuel-Geschichte begleiten zu lassen.
Gehen Sie gerne mit den Fragen dieses Hirtenworts ins Gespräch: in Ihrer Familie, in Ihrer Gemeinde, mit Freundinnen und Freunden, im Kollegenkreis. Glaube wächst selten im Alleingang. Und Hoffnung wird größer, wenn man sie teilt.
So segne Sie, alle mit Ihnen verbundenen Menschen, unser ganzes Land und alle, die hier leben, der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist. Amen. Dresden, zum 1. Fastensonntag 2026
+ Heinrich Timmerevers Bischof von Dresden-Meißen

